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*anastasi, william / nyc

09.09.17 bis 14.10.17

VERNISSAGE: 08. September 2017, 18 - 22 uhr

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Die Thomas Rehbein Galerie freut sich, anlässlich des DC Open bedeutende Arbeiten auf Papier aus verschiedenen Werkgruppen des US-amerikanischen Konzeptkünstlers William Anastasi (*1933) zu präsentieren.

Das Werk von William Anastasi ist fest in der konzeptuellen Ausrichtung von Kunst verankert, die in den 1960er Jahren aufkam. Beeinflusst durch Vorreiter wie Marcel Duchamp, suchten die Vertreter dieser Richtung die Oberflächlichkeit einer sinnlich erfahrbaren “retinalen Kunst” (Marcel Duchamp) und ihre Aufmerksamkeit heischenden Effekte zu überwinden. Stattdessen propagierten sie die Idee oder das Konzept als einzig gültige, sinnstiftende Funktion von Kunst. Idee und Inhalt drängten die materielle Durchführung und die damit einhergehenden ästhetischen und technischen Gestaltungsfragen zurück. Die unter diesen programmatischen Vorgaben entstehende Kunst, die oft nur aus knapp verfassten Handlungsanweisungen bestand und von jedem ausgeführt werden konnte, diente nun der Hinterfragung ihrer eigenen Bedingungen, vor allem mittels Sprache und unter Verwendung von Tautologie oder Selbstreferentialität.

William Anastasi, der zu den Konzeptkünstlern der ersten Stunde gehört, führt in den hier versammelten Arbeiten auf Papier grundlegende Ansätze vor, die die Entstehung von Kunst auf alltägliche, ja banale Bedingungen zurückführt. Die nüchterne Erkenntnis, dass die Kunst nichts sei, außer sich selbst, ließ alle illusionistischen, repräsentativen Aspekte von Kunst hinfällig werden und setzte zugleich das Ideal eines genialen Künstlers außer Kraft, ebenso wie die Aura von Einzigartigkeit, die das konventionelle Kunstwerk umgab. Allein die theoretische Existenz und der dokumentarische Charakter der Kunst war nun maßgeblich, da die Kunst nicht über sich selbst hinausweisen, sondern vielmehr ihre wesentlichen Kernpunkte thematisieren, ihre materielle, unmittelbare und konkrete Realität in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rücken sollte.

Die künstlerische Vorgehensweise von Anastasis Blind Drawings, Walking Drawings, Subway Drawings, Burst Drawings, Drip Drawings und Pocket Drawings widerspiegelt diese Überzeugungen. So dokumentieren beispielsweise die Subway Drawings den unregelmäßigen Rhythmus der U-Bahn, den Anastasi wie ein Seismograph aufnimmt, in dem er während zahlreicher Fahrten durch New York (die ihn u.a. zu John Cage führten, mit dem er jahrelang Schach spielte) ein Blatt auf seine Knie legt und zwei Bleistifte darauf hält, die durch die ruckartigen Verschiebungen des Fahrzeugs zittrige Linien hinterlassen. Ähnlich erfassen seine Walking Drawings die natürlichen Bewegungen des schreitenden Körpers beim Spaziergang. Für seine Pocket Drawings füllt Anastasi ein in seiner Hosentasche zusammengefaltetes Papier mit einem Stift an, während er einer ganz anderen Tätigkeit nachgeht, also abgelenkt ist vom eigentlichen Zeichenvorgang und stattdessen der Meditation oder Betrachtung eines Films hingegeben. In den Burst Drawings zeichnet Anastasi mit verbundenen Augen ausgehend von der Mitte eines großen, an der Wand befestigten Blatt Papiers Striche mit Ölkreide, die sich strahlenförmig in den Außenbereich des Blattes ausdehnen. Das gezeichnete Ergebnis mutet wie eine Explosion an. In den Drip Paintings zeichnen sich die Spuren eines Stiftes ab, den Anastasi, auf einer Leiter stehend, an einer Schnur auf ein vorbereitetes Blatt Papier hinabsenkt, in das der Umriss eines Kreises eingezeichnet ist.

Die Kontrolle über den Schaffensprozess durch handwerkliche Beherrschung weicht damit dem Zufallsprinzip, der nun den Stift lenkt und die einzigartige, unverkennbare Handschrift des Künstlers tilgt. Die „Blindheit“ des Künstlers wird ferner als Zustand der Ohnmacht angeführt, der die Kunst unmittelbaren Gegebenheiten, also außerhalb des künstlerischen Einflussvermögens, überlässt. Durch Ablenkung, Störung oder Blindheit sucht William Anastasi bewußt ästhetische Entscheidungen zu umgehen und entbindet somit den künstlerischen Schöpfungsprozess von der Erfindungkraft und dem Einfallsreichtum des Künstlers.

Mit dieser Ausstellung bietet die Thomas Rehbein Galerie einen repräsentativen Überblick des gesamten zeichnerischen Schaffens von William Anastasi, welches demnächst in einem umfassenden Buchprojekt Eingang findet. Die Kölner Ausstellung markiert die erste Station einer Reihe von groß angelegten musealen Präsentationen, die die Bedeutung der Arbeiten auf Papier von William Anastasi innerhalb ihres Entstehungskontextes und in ihrer Einflussnahme auf nachfolgende Künstlergenerationen beleuchten.

(Bettina Haiss, 2017)


Künstler:
William Anastasi (VITA)